Ist wie’s ist von Oliver Siebeck dauert fünf Stunden und orientiert sich formell an der Struktur des Haikus.

Es besteht aus 17 Stücken á 17 Minuten mit jeweils 17 Sekunden Stille dazwischen. Und jede Minute wird vom summenden Geräusch einer Wespe getragen. Das Stück ist eine Art minimaler Veränderungsablauf mit komplexen Mustern, die man auf unterschiedliche Weisen entziffern kann. Das Ursprungsgeräusch wird wie unter dem Mikroskop untersucht. Es ist ein Hereinzoomen bis ins kleinste Element, das dann mannigfaltig transformiert wird: durch Veränderung von Tonhöhen und Tempi, durch Überlagerungen und Interferenzen.

Und was hören wir? Knistern, Rauschen, Knacken, Quietschen und Klirren. Ein Akkordeon? Streichinstrumente? Perkussion? Nichts. Ein leerer Raum.
Als Resonanzkörper reflektieren wir das Gehörte und suchen dabei nach Assoziationen, die uns Halt geben. Es sind vielfältige Klangbilder, die aber denselben konkreten Ursprung haben. Der einzelne Ton und seine Quelle fallen zusammen. Und wenn man nicht nach dem Sinn fragt, entsteht eine Vielfalt an Möglichkeiten ohne vordefinierte Bedeutungen und Analogien – ein Schwebezustand.

Oliver Siebeck macht uns das Angebot, in den akustischen Raum wie in einen Garten einzutreten. Wir tauchen ein und erfahren ihn, abhängig von unserer Aufmerksamkeit. Es bleibt unsere Entscheidung, wie und wann wir diesen Raum betreten und ob wir dort etwas vorfinden – ob wir uns der Komposition entziehen oder uns darauf einlassen.

So wie das Wesensmerkmal des Haikus die Offenheit ist, ist auch diese Komposition nicht abgeschlossen. Sie entfaltet und vervollständigt sich erst im aktiven Hören, in der Gegenwart, im Jetzt und Hier. Es gibt am Ende nichts Neues, nur eine Wiederholung des Materials in einer neuen Anordnung. Das ermöglicht uns, den Hörraum zu verlassen, ohne etwas zu verpassen. Denn es gibt keine Erzählung, keine Dramaturgie, keine Steigerung. Und doch ist jeder Moment einzigartig.

Etwas ist so und ist nicht so, ist beides oder keines von beidem. Das ist eine Wespe, das ist nicht eine Wespe. Ich höre sie und höre sie nicht. Ich sehe sie, ich sehe sie nicht. Und was bleibt, wenn wir den Raum verlassen? Es ist da und nicht da. Eine Leerstelle.

Natalia Göllner, 2025